Wo sich Mensch und Natur gut vertragen

Der Cilento in Süditalien ist zwar ein noch junger Nationalpark. Doch man wandelt auf mittelalterlichen und antiken Pfaden.

Von Angelika Hillmer

Schmale Gässchen, steile Treppenwege, grobes Kopfsteinpflaster. Dazu mittelalterliche Fassaden, Rundbögen und tunnelartige Stadttore, durch die einst Vieh getrieben wurde: In der Altstadt von Castellabate im süditalienischen Kampanien scheint die Zeit stehen geblieben zu sein – wenn nicht gerade irgendwo ein Handy klingelt. Das 800 Einwohner zählende Städtchen schmiegt sich auf einen 280 Meter hohen Berg an der Küste.

Vom Aussichtspunkt Belvedere schweift der Blick über das Thyrrhenische Meer auf die Insel Capri. Hier geht im Juni genau an der Insel die Sonne unter. Deshalb könne die Italo-Schnulze “Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt . . .” nur aus ihrem Ort stammen, versichern die Einheimischen. Doch auch ohne das musikalische Image zählt das Gassenlabyrinth von Castellabate zum Weltkulturerbe der Unesco.

Das Kastell des Abtes, das dem Ort seinen Namen gab, wurde offiziell 1123 gegründet. Die Siedlung ist ein paar Jahrhunderte älter. Sie scheint wie auf einem Hochsitz über den Küstenort Santa Maria und den Fischerort San Marco zu wachen. Castellabate liegt am Rande des Cilento, Italiens jüngster Nationalpark. Auch er steht auf der Weltkulturerbe-Liste, denn die Mittelgebirgslandschaft ist durch ein harmonisches Miteinander von Mensch und Natur geprägt. Die 230 000 Einwohner leben meist von einer extensiven Landwirtschaft. Sie kultivieren Olivenbäume, ernten Maronen in Kastanienhainen, machen Wein und den original italienischen “Mozzarella di Bufala Campania”, hergestellt aus frischer Büffelmilch.

Die mittelalterlichen Cilento-Orte wurden auf Bergkuppen gegründet, um Feinde rechtzeitig erspähen zu können. Im westlichen Teil der Region, etwa 80 Kilometer südöstlich von Neapel, trägt fast jeder Hügel eine kleine weiße Haube aus Steinhäusern. Weiter südöstlich sind die Siedlungen spärlicher gestreut. An ihrer Stelle ragen kalkhelle Bergspitzen aus dem Waldland heraus – die höchste misst 1899 Meter.

Seit jeher lebten die Menschen von dem, was das Land hergab. Doch dies war und ist nicht allzu viel, und deshalb wandern viele junge Menschen ab. In den 60er- und 70er-Jahren gingen die Männer zum Arbeiten nach Deutschland, oft nach Schwaben. Sie holten nach ein paar Jahren ihre Familien nach. Weitere Landsleute folgten dorthin, wo die ehemaligen Nachbarn ihr Glück fanden. So kam es, dass mancherorts das halbe Dorf heute 1500 Kilometer weiter nördlich wohnt, in derselben schwäbischen Kleinstadt.

Doch inzwischen entwickelt der Cilento Selbstbewusstsein, besinnt sich auf seine Schönheit: Regionalregierung und Gemeindeverwaltungen setzen auf den Fremdenverkehr, größtenteils in Form von landschaftsschonendem sanften Tourismus. Im Sommer kann es heiß hergehen: Ende Juli/Anfang August strömen rund 50 000 Italiener, darunter viele Neapolitaner, in die Küstenorte, auch nach Santa Maria und San Marco. “Sie verwandeln für vier, sechs Wochen die ruhigen Orte in quirlige Touristen-Zentren. Nur das Bergdorf selbst behält dann seinen ursprünglichen Charakter”, erzählt Karin Kappes. Die 38-jährige Deutsche kam vor 14 Jahren als Neckermann-Reiseleiterin in den Cilento – und blieb.

Das recht große Hotel, in dem sie damals arbeitete, ist inzwischen geschlossen, es gehörte der Mafia und wurde vom Staat konfisziert. Aus der ehemaligen Reiseleiterin wurde eine erfolgreiche Unternehmerin mit neun (italienischen) Angestellten. Sie betreibt in Castellabate eine Pension, vermietet Apartments, bietet Ausflüge oder organisierte Urlaubswochen an.

Der Eigeninitiative der quirligen Deutschen ist es zu verdanken, dass es rund um den Bergort die einzigen markierten Wanderwege des Cilento gibt. Zusammen mit einem Schweizer Pensionsgast hat sie ein Wegenetz für zehn Wanderungen mit einer Gesamtlänge von 50 Kilometern gekennzeichnet. Woanders erschließt sich der Cilento Ortsunkundigen kaum per pedes. Kappes: “Italiener wandern nicht, sie können sich deshalb schwer auf die deutschen Gäste einstellen. Die Nationalparkverwaltung hat zwar Hinweisschilder zu interessanten Zielen aufgestellt. Aber die stehen nur am Beginn der Pfade. Die Strecken sind nicht markiert.”

Sehr viel einfacher ist es, sich auf den Weg ins Altertum zu begeben. Am Westrand des Cilentos liegt Paestum, die Ruinen einer griechischen Stadt mit drei dorischen Tempeln, den “besterhaltenen außerhalb Griechenlands”, wie Fremdenführer Daniele Nuncio sagt. Karin Kappes führt oft Besuchergruppen hierher; Nuncio bezeichnet die Wahlitalienerin schmunzelnd als “Herzogin von Castellabate”.

Das antike Paestum entstand im siebten Jahrhundert vor Christi, als griechische Händler sich an der Küste niederließen. Etwa 500 v. Chr. erlebte die Stadt ihre Blüte, wurde aber schließlich 273 v. Chr. römische Kolonie. Die Römer schleiften Wohnpaläste, bauten Thermen und Amphitheater.

Heute wandeln die Besucher über das weitläufige Gelände und malen sich anhand der erhaltenen Säulenstrukturen die ehemalige Pracht der Tempel aus oder gehen an den Grundmauern der antiken Stadt entlang, entdecken Reste von Mosaikböden.

Rund 1800 Jahre jünger ist die Kartause “Certosa die San Lorenzo” zu Füßen des Bergstädtchens Padula. Das 1306 gegründete Kartäuserkloster zeugt von dem damaligen Reichtum der Region. Es hat 320 Zimmer, 13 Höfe, 52 Treppen, 41 Brunnen, 2,5 Kilometer Flure. Die Bewohner lebten keinesfalls wie Bettelmönche: Jeder Mönch verfügte über zweieinhalb Zimmer und eigenen Klostergarten. Die Kartause ist die größte Italiens, aber fast noch ein touristischer Geheimtipp.

Auch im Küstenort Santa Maria lässt sich auf historischen Spuren wandeln. Im Antiquarium Communale sind Amphoren, Anker und andere Fundstücke von römischen Schiffen aus dem ersten Jahrhundert zu sehen. Die letzten Schwert- und Tunfischfänger zeugen von der jüngeren Vergangenheit, ebenso traditionelle Schiffsbauer in Santa Maria und San Marco. Wem das nicht genügt, der muss nur 280 Meter hinaufklettern – und trifft dann das geballte Mittelalter in der Altstadt von Castellabate.

Erschienen am 27. März 2004 in „Hamburger Abendblatt“ Reise & Touristik

 

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